Erinnerungen

Der gefrorene Sauerbraten

Heiligabend 1952 sollte es etwas Besonderes zu Essen geben. Meine Mutter hatte einen Sauerbraten eingelegt. Zum Kühlhalten hat sie die Schüssel im Kinderzimmer auf das Fensterbrett gestellt.

Am Abend die große Überraschung! Der Sauerbraten war gefroren. Den sollte es nach der Christmette geben. So ein Pech, denn tagsüber hatten wir alle gefastet (als gute Katholiken).

Den Braten gab es dann am 1. Weihnachtstag.

Horst Kneip

Eine Erinnerung von einem Badetag aus meiner Kindheit

Ein Mal in der Woche, also am Samstag, wurde gebadet. Unsere Mutter machte in einem Einkochapparat das Wasser auf dem Herd heiß.

Es kam eine große Zinkwanne in die Küche. Darin wurden wir Einer nach dem Anderen gebadet. Wir waren vier. Die Jüngste kam zuerst an die Reihe.

Wenn wir alle fertig waren, saßen wir am Tisch und freuten uns über frische Brötchen und heißen selbstgemachten Kakao.

Krimhilde Siegener

Aus meiner Kindheit: Unsere Küche

Die Küche war bei uns der beste Aufenthaltsraum.

Es gab darin unter dem Fenster eine Bank. Davor war ein großer Esstisch, und dann gab es noch vier Stühle. Ein Küchenschrank und ein Bett standen auch noch drin. Da schliefen zwei Brüder von mir.

Es gab noch eine kleine Speisekammer. Natürlich gab es auch einen Kochherd. Meine Mutter kochte für uns Kinder meist Milchsuppen aus Hafer, Gries, Nudeln, Reis und Pudding. Seitdem kann ich das nicht mehr essen.

Wenn der Vater nach Hause kam, gab es andere Speisen.

Das ist meine Erinnerung.

Anneliese Flöther

Das Wohnzimmer “Gute Stube”

Unser Wohnzimmer wurde nur an den Weihnachtstagen benutzt.

Dann wurde der Weihnachtsbaum geschmückt und der große Kachelofen angezündet. Für uns Kinder waren das wunderschöne Tage.

Die “Gute Stube” bestand aus einem großen Sofa, einem Tisch und mehreren Stühlen - einen Sessel hatten wir nicht - einen großen Geschirrschrank, einer Kommode und der Nähmaschine.

Einen Teppich hatten wir auch nicht. Der Fußboden (Dielen) wurde regelmäßig gebohnert. Geputzt wurde das Wohnzimmer alle zwei Wochen, auch wenn niemand rein ging.

Im Sommer standen die Fenster offen, dann wurden die Gardinen gewaschen. Die Fenster putzten wir alle vier Wochen.

So wurde die “Gute Stube” geschont und nie außer der Zeit benutzt, schade!

Emmi Hartmann

Schulerinnerungen aus Karwinden, im alten Ostpreußen.

Wer kennt noch die kleinen Dorfschulen? Von der jüngeren Generation bestimmt keiner mehr. Doch ich habe in so einer Zwergenschule Schreiben, Lesen, Rechnen und was sonst noch zum Allgemeinwissen gehört, gelernt. Damit nicht alles vergessen wird, will ich davon erzählen.
Die Schule stand mitten im Dorf. Außer dem großen Klassenraum bewohnte der Lehrer den Rest des Hauses. Die Kinder kamen aus einigen Gesellschaftsschichten, etwa von Gutsarbeitern, Bauern, Handwerkern oder auch Angestellten-Familien. Wenn ein Kind in die Schule kam, hatte es in dem Jahrgang kaum mehr als 4-5 Mitschüler. Die Klasse war in Abteilungen eingeteilt: 1.-3. Schuljahr, 4,5,6. und die Oberstufe mit dem 7. und 8. Schuljahr ob Junge oder Mädchen. Die jeweiligen Lehrer mussten gut organisieren können, den Lehrstoff unter alle Jahrgängen gut einzuteilen und trotzdem noch Zeit für alle Kinder zu haben. Aber das ging! Morgens war die Oberstufe dran, mit der er sich beschäftigen konnte oder die Mittelstufe, die im Wechsel mit der Oberstufe Aufgaben bekamen. Manchmal dürften wir größeren Schüler auch mal Lehrer sein und die Kleinen so nebenher beaufsichtigen. Das habe ich gern getan, da fühlte ich mich richtig groß! Dazu muss ich noch sagen, im 8. Schuljahr war ich ganz allein. Von meinem Jahrgang war einer verzogen und welche sitzen geblieben. In die Schule gingen wir alle gern. Wir mochten und achteten unsere Lehrer und wer wollte, hat auch was lernen können. Deutsch war immer ein Hauptfach, natürlich auch Rechnen. Bei einem jungen Lehrer haben wir sogar jeden Tag das Wichtigste aus der Zeitung vorlesen müssen und darüber debattiert. Das war doch ein guter Anstoß für das politische Denken. Die Lehrer gaben sich schon viel Mühe, die Kinder an die moderne Welt heranzuführen. Gerade die jüngeren Lehrer waren sehr engagiert und wenn sie merkten, dass die Kinder mitmachten, besonders. Die Begabung war natürlich sehr unterschiedlich. Sitzenbleiben bei den Dorfkindern gab es öfters. Bei manchen sogar mehrmals. Ich erinnere mich, dass es einen Jungen gab, der aus dem 3.Schuljahr entlassen wurde. Er und noch andere hätten in eine Sonderschule gehen müssen. Doch die gabs nicht auf dem flachen Lande. So wurden sie mehr schlecht wie recht mitgezogen. Intensive Förderungen oder Hilfe war wenig da, wenn die Eltern nicht darauf achteten.

Wenige, die es sich leisten konnten, ihre Kinder zur höheren Schule zu schicken, mussten zum Schulgeld noch den Pensionspreis in der nächsten Stadt zurechnen oder auch die tägliche Fahrt mit dem Zug, mussten dann aber bei jedem Wetter mit dem Fahrrad zum 1 1/2 km entfernten Bahnhof fahren. Im Winter bei Eis und Schnee sehr beschwerlich. Vor allem war es auch eine Geldfrage. Die Einkommen damals waren niedrig. So war es für die meisten Kinder unabänderlich, nur mit dem Wissen einer Volksschule durchs Leben zu kommen. Leider standen damals noch keine Fremdsprachen auf dem Stundenplan, die ich gern gelernt hätte. Aber später in der Handelsschule habe ich doch noch Englisch lernen können, und das mit Begeisterung!
Der Schulweg war unterschiedlich weit. Die Dorfkinder waren alle nahe dran, aber weiter hatten es die, die aus den angrenzenden Ortsteilen kamen.
Am Wald wohnten die Kinder der Förster und der Waldarbeiter. Ein Junge vom Bahnhofsvorsteher und wir vom Kraftwerk hatten auch je eine halbe Stunde Fußweg. Auf dem Schulweg war es - jedenfalls für mich - nie langweilig. Es gab immer etwas zu beobachten. Wie oft ist mir ein kleines Mäuschen über den Weg gelaufen oder ein Storch, der neben mir auf der Wiese nach Fröschen suchte und dann die schönen bunt blühenden Wiesen. Wir Kinder lebten in und mit der Natur.
In der Nähe gab es Teiche, in denen wir schwimmen gelernt haben. Und das in der Sportstunde. Im Winter waren es die Rodelbahnen, die uns beschäftigten und auch Schlittschuhlaufen, auch auf der Baude, einem kleinen Fluss, der durch das Dorf floss und im Frischen Haff mündete. Auf dem konnten wir, wenn das Eis hielt, auf Schlittschuhen in die Schule fahren und das war ein tolles Vergnügen. Wer konnte das schon, vor allem nicht die Stadtkinder, die wir sonst schon mal beneideten.

Die Ausstattung des Klassenzimmers war sehr einfach. Ganz früher gabs noch die langen Reihenbänke, wo etwa 6 Kinder Platz hatten. Später saßen wir im 2-Sitzer, schon modern. Für Landkarten, Bücher und Hefte hatten wir einen großen Schrank und in der Ecke stand ein großer Kachelofen, den ein guter Geist bei Kälte einheizte.
Hinter der Schule war unser Sportplatz. Da wurde Laufen, Springen, Werfen für die Jugendspiele geübt. Auch am Nachmittag konnten wir den Platz zum Spielen für Völkerball, Korb- oder Handball benutzen.
Später hatten wir sogar einen Schulgarten für die größeren Kinder. Jeder musste ein Beet selber bearbeiten, säen, pflanzen und auch ernten. Dies war meistens sehr kläglich, weil die Pflege dürftig war.


Im Dorf wurden auch Kinderfeste gefeiert. Auf einer Wiese war Platz genug auch für Darbietungen. Eine Musikkapelle einfachster Art spielte und es wurde getanzt, bis es abends dunkel war.
Schön waren unsere Schulausflüge. Wir waren am Ostsee-Badestrand in Kahlberg, im Dom zu Frauenburg, am Frischen Haff, am Grab von Kopernikus, machten eine kleine Schiffsreise über unsere berühmten Rollberge (wo Schiffe über Berge fahren), waren im Zoo in Königsberg und in unserer alten, schönen Kreisstadt Pr. Holland mit Übernachtung in der Jugendherberge. Wir waren in der Marienburg, der alten Ordensburg aus dem 12.Jahrhundert. War das nicht enorm viel, was uns unsere Lehrer ermöglicht haben? Das alles sind so schöne Erinnerungen an unsere Schulzeit in unserem Dörfchen, das nur ca. 250 Einwohner hatte, wohl aber ein Schloss der Grafen zu Dohna, denen das Gut gehörte und eine kleine hübsche Kirche, in der wir fast alle getauft und konfirmiert worden sind. Und nicht vergessen. In der Nähe gabs das Elektrizitätswerk, wo vom nahen Hochmoor der Torf abgestochen, getrocknet, verheizt und daraus Strom erzeugt wurde. Das war meine enge Heimat und die meiner Spielfreunde und wo unsere Väter arbeiteten.

Wir Kinder hatten viel Platz für Spiele und Freiheiten und hatten untereinander immer guten Kontakt. Der Krieg, der 1945 zu Ende ging, hat alles zerstört. Das Dorf ausgeplündert und abgebrannt. Die Bewohner vertrieben und neu angesiedelt in alle deutschen Lande. Viele haben auch ihr Leben verloren. Einige sind ausgewandert, bis Kanada. Doch wir haben uns fast alle nach Jahren wiedergefunden, getroffen und Verbindung gehalten — bis heute!

Elfriede König