Braucht man Bräuche?

Daniela Albert am 5. März 2010 um 14:53

Um diese Frage ging es im verspäteten letzten Teil dieser Runde vom Erinnerungsklatsch.

Ja, die Teilnehmerinnen und der Teilnehmer waren sich einig: man braucht Bräuche. Sie geben Halt, Sicherheit, bewahren Erinnerungen und sind manchmal einfach nur schön.

Doch es gibt auch Bräuche, die sehr kritisch gesehen wurden: nicht jeder fand zum Beispiel Hochzeitsbräuche wie die Brautentführung oder den Polterabend schön und viele sind froh, dass man sich heutzutage auch gegen solche Bräuche auf der eigenen Hochzeit entscheiden kann.

Eine Teilnehmerin berichtete hingegen von einem sehr schönen Hochzeitsbrauch:

In dem Dorf, in dem sie aufgewachsen ist, gab es ein Sägewerk. Wenn jemand heiratete, verzierte die Dorfjugend den ganzen Weg vom Elternhaus der Braut bis in die Kirche mit riesigen, ineinander verschlungenen Sägemehlringen.

Eine Teilnehmerin, die bereits ihre Kindheit in Kassel verbrachte, erinnerte sich im Zusammenhang mit dem Wort Bräuche an folgendes Zitat:

Der alte Brauch wird nicht gebrochen, hier können Familien Kaffee kochen

Ein Schild mit dieser Aufschrift fand sich oft in Ausflugslokalen in der Umgebung und bedeutete, dass Familien dort ihr eigenes Kaffeepulver abgeben konnten und eine Kanne frisch aufgebrühten Kaffee dafür erhielten. Bezahlen mussten sie nur das Wasser.

In ländlichen Gegenden war die Kirmes am Ende der Erntezeit ein jährliches Highlight. Dieses Fest, auch bekannt als Kirchweih oder Kirchmess, war vor allem ein Fest der Jugend. Wer es sich leisten konnte, kaufte sich zu diesem Anlass neue Kleider und hielt diese bis zum Kirmesabend vor neugierigen Augen versteckt. Das Kirmeskleid war nämlich etwas ganz besonderes.

Abschließend diskutierten wir noch ein bisschen über das Kasseler Wasserfest - den Zissel. Dieser Brauch entstand in den 20er Jahren auf Initiative der Wassersportvereine. Die Idee dahinter war, ein Volksfest zu etablieren, bei dem unser Fluss - die Fulle - im Vordergrund steht. Der Zissel wird in Kassel noch immer jedes Jahr gefeiert. Ob es dabei noch vordergründig um das Wasser geht, sei jedoch dahingestellt. Einigen konnten wir uns jedoch darauf, dass der Wasserumzug noch immer ein Highlight des Zissels ist.

Am Montag wird endlich wieder geklatscht

Daniela Albert am 5. Februar 2010 um 10:54

Liebe Blogleserinnen und Blogleser,

erstmal wünsche ich noch ein verspätetes Frohes Neues!

Der Erinnerungsklatsch hat eine kleine Kaffeepause gemacht, aber ab Montag wird es mit vollem Elan und neuen Ideen (spruchreifen und nicht-spruchreifen) ins Klatsch-Jahr 2010 gehen. Erstmal holen wir das Thema Bräuche nach, was wir vor Weihnachten haben verschieben müssen und dann werden wir auch bald wieder unsere Ergebnisse und Erinnerungen präsentieren.

Danach steht schon die Frühlingsplanung an mit hoffentlich neuen, frischen Themen und alten, frischen Teilnehmerinnen und Teilnehmern.

Ernährung: Bunt durcheinander…

Daniela Albert am 2. November 2009 um 22:14

…war heute irgendwie unser Motto!

Zwar hangelten wir uns zuerst an einem Fragebogen zum Thema “Ernährung früher und heute” entlang, doch dann schweiften wir schnell ab. Dieses Thema lud aber auch dazu ein, Kochrezepte auszutauschen und Dinge zu besprechen, die mit dem eigentlichen Sinn unserer Gruppe, nämlich “in Erinnerungen zu klatschen”, nur noch sehr am Rande zu tun hatten.

Dennoch konnte ich einiges über Ernährung und Nahrung in der Kindheit meiner Teilnehmer erfahren.

Zum einen war da das Schlachten. Die sehr ausführlichen Kindheitserinnerungen einer Teilnehmerin daran, wie bei ihr daheim die Schweine geschlachtet wurden, mochten nicht alle. Dennoch teilten sie eine gemeinsame Erinnerung, nämlich die an die Abendmahlzeit an Schlachttagen: Wellfleisch mit Brot und Senf und hinterher einen Schnaps.

Während des Zweiten Weltkrieges durfte jede Familie nur ein Schwein pro Jahr schlachten, der Rest musste den Soldaten zur Verfügung stehen. Viele schlachteten daher bei Nacht heimlich, um ausreichend Fleisch zu haben. Diese heimlich geschlachteten Tiere waren die sogenannten “schwarzen Schweine”.

Sehr ungern dachten die Teilnehmerinnen und der Teilnehmer an die Lebensmittelkarten im und nach dem Zweiten Weltkrieg. Diese dienten dazu, die knappen Nahrungsvorräte zu rationieren und führten oft dazu, dass Familien nur sehr wenig zu essen bekamen und Hunger leiden mussten. Weitgehend vom Nahrungsmangel verschont blieb nur die Landbevölkerung, die durch eigenen Gemüseanbau und Nutztierhaltung meist besser für sich sorgen konnte.

An diverse Lieblingsspeisen konnten sich ebenfalls alle Teilnehmer erinnern. Genannt wurden zum Beispiel Arme Ritter, Leber mit Kartoffelbrei, Äpfeln und Zwiebeln - aber auch Himmel und Erde oder die nordhessische Spezialität Weckewerk. Später, in den 1960er und 1970er Jahren, traten an diese Stelle oft Mode-Essen wie Toast Hawai.

Nachdem wir uns kulinarisch durch die Kindheit der Damen und des Herren gehangelt hatten, diskutierten wir noch ein wenig über den Unterschied zur heutigen Küche. Vor allem auf Fleisch wird heute eher einmal verzichtet. Den neu aufkommenden Bioprodukten können sie ebenso wenig abgewinnen wie neumodischen “Schmeckewöhlerchen” - die meisten Teilnehmer sind sich und ihrer guten alten Hausmannskost treu geblieben.

Mehr Erinnerungen

Daniela Albert am 29. Oktober 2009 um 13:10

Falls jemand in den letzten Tagen aufmerksam die Seite durchforstet hat, hat er es wohl bemerkt: Es hat sich was in der Rubrik Erinnerungen getan. Einige Teilnehmerinnen und auch unser Teilnehmer haben kleine Texte verfasst, die dort nun veröffentlicht wurden.

Der nächste Erinnerungsklatsch findet übrigens diesmal bereits nächste Woche statt, also am 2.11.09. Nicht vergessen!

Sexuelle Aufklärung? Da warte ich heute noch drauf ;-)

Daniela Albert am 26. Oktober 2009 um 22:16

Diese Aussage einer Teilnehmerin fanden wir heute alle ziemlich lustig, und doch lag in ihr eine Menge Wahrheit.

Wirklich aufgeklärt wurde nämlich keiner aus der Gruppe. Es gab weder Sexualkunde in der Schule noch ein klärendes Gespräch mit den Eltern. Alles, was die Damen und der Herr wussten, haben sie von Freunden, manchmal älteren Geschwistern und aus Büchern wie “Unter vier Augen” oder “Die Frau als Hausärztin” erfahren, und das war - nach eigenen Aussagen - nicht viel.

wir waren ja so dumm

Dieser Satz fiel immer wieder um die allgemeine Unwissenheit zu beschreiben.

Alles, was mit Sexualität oder dem anderen Geschlecht zu tun hatte, war irgendwie peinlich, und allein schon deshalb fragte man auch nicht nach, selbst wenn einen das eine oder andere Thema interessierte.

Was soll man auch für Fragen stellen, wenn man gar nicht weiß, worum es geht?

Zwar bekamen die Teilnehmer mit der Zeit eine ungefähre Ahnung davon, was es bedeuten musste, verheiratet zu sein, und warum Frauen Babys bekamen, doch blieb das ganze Thema bis zum eigenen Erleben eher wage. Wenn sich jüngere Geschwister ankündigten, erfuhr man das manchmal erst, wenn auf einmal die Hebamme ins Haus kam. Über Schwangerschaften der Mütter wurde nicht gesprochen, der Bauch lange unter weiter Umstandskleidung versteckt. Die Teilnehmer hatten den Eindruck, dass ihren Müttern ihre Schwangerschaften eher peinlich waren.

Wir waren ja so schüchtern und haben uns geschämt

Über die erste Periode mit der besten Freundin reden? Den Bruder, die Schwester oder gar die Eltern nackt sehen? Über Probleme des Mann- oder Frau-Werdens reden? Das kannten die Teilnehmerinnen und der Teilnehmer nicht. Vieles wurde totgeschwiegen, hingenommen oder einfach nicht beachtet.

Umso schöner ist es, dass wir heute über dieses schwierige Thema reden konnten. Ich freue mich über die eine oder andere lustige, intime, peinliche oder ernste Anekdote, die ich heute hören durfte.