Lieblingsorte in Kassel

Das Wahrzeichen Kassels: der Herkules {Foto von Ela Brun}

In unserer Sitzung am 16.04. ging es um unsere Lieblingsorte in Kassel.

Als Kind war die Gegend um den Herkules für unserer TeilnehmerInnen sehr interessant. Mit der Tram über den Kirchweg und weiter mit er Herkulesbahn, war das Ziel leicht zu erreichen und die Wasserspiele luden im Sommer zu einem Besuch geradezu ein. Im Winter waren für einen unserer Teilnehmer vor allem die Skihütten – seine Eltern waren Ski-Trainer – ein beliebter Ort. In den 50er Jahren wanderte man viel im Habichtswald oder im Firnstbachtal oder schaute sich die umliegenden Burgen genauer an.

Ein Teilnehmer erzählte Stollen, die als Kind eine magische Anziehungskraft auf einen ausübten. Doch aufgrund der Gefahr von Bergwerkseinstürzen, durfte man diese höchstens mit den Eltern zusammen erkunden.

Vor dem Krieg war die Neue Mühle ein beliebter Ausflugsort, den man mit einem Faltboot gut erreichen konnte. Überhaupt war die Fulle eine Anziehungspunkt. Viele unserer TeilnehmerInnen haben dort Schwimmen gelernt. Noch heute sitzen einige unserer TeilnehmerInnen gern im Biergarten des Rondells zu  Kaffeetrinken und genießen die Aussicht.

Die Blumeninsel Siebenbergen im Auepark {Foto von der Stadt Kassel}

Auch der Weinberg war für viele unserer TeilnehmerInnen ein schöner Ort, als man in der früher dort existierenden Gastronomie den Ausblick mit einem Käffchen genießen konnte.

Der Botanische Garten ist für einige unserer TeilnehmerInnen zu jeder Jahreszeit einen Besuch wert. Aber der absolute Lieblingsort für die meisten in unserer Runde ist die Blumeninsel Siebenbergen im Auepark. Für die einen ist es einfach nur schön dort durch die wunderschönen Blumengesäumten Wege zu spazieren, ein anderer Teilnehmer erinnert die Insel an seine verstorbene Frau und die schöne gemeinsame Zeit.

Zusammenfassend sagen unsere TeilnehmerInnen, dass Kassel sehr viele schöne Orte hat, die man gern besucht, zuviele um sie alle aufzuzählen. Eine Zugezogene sagt:

Es hat 10 Jahre gedauert bis ich mich in Kassel wohlgefühlt habe. Entschädigt hat mich, dass man trotz der nicht so schönen Innenstadt in Null Komma Nix im Grünen ist.

 

Regionale Dialekte

Thema unserer Sitzung am 02.04. waren regionale Dialekte und das Kasselänerische im Besonderen. Anstelle eines Textes zur Sitzung gibt es daher – passend zum Thema – einen Podcast:

Podcast Erzählcafé Regionale Dialekte 2012

Das Gedicht am Ende des Podcasts “Die Mohren-Käppe” gibt es in unserer Schatzkiste nochmal zum Nachlesen.

Regionale Industrie

Um die regionale Industrie, vor allen Dingen in den Nachkriegsjahren, drehte sich unser Erzählcafé am 19.03.

Die Henschel-Werke, wie die Firma Henschel & Sohn ab den 1950er Jahren genannt wurde, war zweifelsohne einer der größten industriellen Arbeitgeber. Jeder in der Runde kannte mindestens einen oder eine, die dort tätig war, allerdings hatten wir nur zwei Personen in der Runde, die tatsächlich selbst dort gearbeitet hatte und somit echte Henschelanerinnen waren, denn so wurden die Arbeiter der Henschelwerke genannt. Eine ehemalige Schweißerin erinnert sich noch heute an die gute Arbeitsatmosphäre und daran, dass sie den Job zwar nicht lange, aber dennoch recht gern gemacht habe. Es war übrigens nicht so selten, wie ich zunächst annahm, dass Frauen in den Werken tätig waren und Aufgaben übernahmen, die zu dieser Zeit doch eher männlich konnotiert waren. Häufig fehlte es nämlich in den Nachkriegsjahren noch an männlichen Arbeitskräften und die Frauen waren ihrerseits gezwungen, jede sich bietende Möglichkeit zum Geld verdienen zu ergreifen.

 

In den Werken waren zudem nicht nur Arbeiter tätig, die in Kassel wohnhaft waren, vielmehr kamen die Beschäftigten auch aus umliegenden oder gar weiter entfernten Dörfern.

 

Von der Landwirtschaft allein konnten in den Jahren viele Familien aufm Dorf nicht mehr leben

erinnert sich ein Teilnehmer

und so liefen die Dorfsöhne morgens zu Fuß nach Kassel, um bei Henschels zu arbeiten.

 

Man kann sich vorstellen, dass die Arbeitswege entsprechend lang waren und Schlaf oder gar Freizeit knapp bemessen.

Allerdings hatten manche Henschelaner bereits vor dem Krieg Lösungen gefunden, ihre weiten Arbeitswege zurückzulegen. So gründeten Arbeiter aus Breuna 1928 eine Genossenschaft, kauften einen Bus und ließen einen Busfahrer ausbilden, der sie zur Arbeit und zurück beförderte (Quelle Regiowiki).

Wie stark die regionale Industrie das Stadtbild Kassels im 20. Jahrhundert geprägt hatte, kann man auch an früheren Namen von Wohnsiedlungen erkennen. Neben verschiedenen Henschelsiedlungen (bspw. in der Nordstadt, aber zeitweise auch am Mattenberg), gab es vor dem Krieg die Fieseler-Siedlung (im heutigen Forstfeld) und gibt es bis heute Salzmannshausen (am Rand von Bettenhausen).

Die ehemalige Textilfirma Salzmann gehörte ebenfalls über mehrere Jahrzehnte zu den großen Arbeitgebern der Region und produzierte vor allen Dingen Gewebe für Industrie, Schifffahrt und das Militär.

Ganz in der Nähe des Ortes, an dem unser Erzählcafé stattfindet, befindet sich das ehemalige Gelände der Zelt- und Tuchfabrik Gottschalk, was uns zu einem kleinen Exkurs zu den ersten Ferienreisen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer führte, denn gleich drei von ihnen verbrachten ihre Urlaube in den Nachkriegsjahren in einem Zelt von Gottschalk.

 

Wir haben unseres erst vor gut 10 Jahren weggeworfen

erinnert sich eine Teilnehmerin und der Teilnehmer hat seins sogar noch immer im Keller und schwärmt von der Qualität der Ware.

 

Thematisiert wurde außerdem die Rolle von Gewerkschaften.

Die Henschelanerinnen waren in der Gewerkschaft und sind es bis heute geblieben, denn

 

So wie man Henschelaner ein Leben lang bleibt, bleibt man ein Leben lang in der Gewerkschaft

 

Auch eine andere Teilnehmerin ist “ihrer” Gewerkschaft bis heute treu geblieben und das vor allem aus Dankbarkeit für das soziale Engagement in den Nachkriegsjahren und auch später.

Natürlich wurden auch die Schattenseiten der Beschäftigung in der regionalen Industrie angesprochen, so empfand ein Teilnehmer die Arbeitsbedingungen damals trotz aller Bemühungen von Gewerkschaften und manch sozial engagiertem Unternehmer als extrem ausbeuterisch. Zudem waren sich alle einig, dass es sich um harte, körperlich anstrengende Tätigkeiten handelte, die so gut wie niemand bis zum normalen Renteneintrittsalter durchhalten konnte.

Kassel – der erste Eindruck

Die nächste Runde des Erzählcafés hat begonnen und das Oberthema ist diesmal die Stadt in der (oder um die herum) wir leben – Kassel! Gewählt haben wir es anlässlich des 1100 Stadtjubiläums im nächsten Jahr, welches seine Schatten bereits jetzt an der einen oder anderen Stelle voraus wirft.

Die Runde startete am 05.03. 2012  mit dem Thema „Mein erster Eindruck von Kassel“. Es erschien uns passend, weil die Mehrheit unserer Teilnehmerinnen und Teilnehmer irgendwann in den Nachkriegsjahren zugezogen ist. Unsere beiden Kasseläner berichteten demgegenüber einfach von ihren frühsten Kindheitserinnerungen an die Stadt.

Die Sitzung ging tief unter die Haut. Die frühsten Kindheitserinnerungen der beiden von hier stammenden fielen in die Zeit des zweiten Weltkrieges. Sie erzählten von Bombenalarmen und bangen Nächten in den Kellern ihrer Häuser. Ich lernte, dass das Wort „Durchbruch“ in der damaligen Zeit für dünne Kellerwände stand, die man leicht einschlagen konnte um durch die so entstehenden Öffnungen von einem Haus ins nächste zu gelangen. Dies war nötig, wenn das Haus, in dessen Keller man Schutz gesucht hatte, getroffen wurde und einstürzte.

Was sie manchmal auf ihren Wegen durch die Keller – oder dann, wenn sie es wieder raus auf die Straße geschafft hatten, sahen, ist für mich, als gutbehütetes Kind der 1980er Jahre, kaum vorstellbar. So zum Beispiel Erzählungen von äußerlich scheinbar unverletzten Menschen, denen durch Druckwellen die Lungen geplatzt waren.

Es sah aus, wie eine riesengroße untergehende Sonne – in Wirklichkeit war es eine untergehende Stadt

Die Bombennacht am 22.Oktober 1943, in der die Kasseler Altstadt fast vollständig und die angrenzenden Stadtteile zum größten Teil zerstört worden waren, musste niemand aus der Runde in der Stadt erleben. Auch die beiden Kasseläner waren bereits vorher mit ihren Eltern vorübergehend in ländliche Regionen geflüchtet. Erinnerungen hatten sie trotzdem daran, genau wie andere Teilnehmer, die im Umland lebten, hatten sie die Einschläge gehört und die Flammen sogar noch fast 100 km weiter gesehen. Ein Teilnehmer verglich es mit einer riesengroßen untergehenden Sonne „…in Wirklichkeit war es eine untergehende Stadt“ ergänzte er.

An die Zeit vor Kriegsbeginn haben die Kasseläner nur noch lückenhafte Erinnerungen. Zum Beispiel an die wunderschöne Altstadt und an den Messeplatz, auf dem die Rummel stattfanden. Da sie als Kinder oft das Eintrittsgeld dafür nicht hatten, schlichen sie sich durch lockere Latten im Zaun heimlich hinein und freuten sich an den Vergnügungen, die sich ihnen dort boten.

Als sie nach Kriegsende zurückkehrten, haben beide die Stadt nicht wiedererkannt. Sie erinnern sich noch an das permanente Klopfgeräusch der – zumeist – Frauen, die Steine klopften, die von den ehemaligen Gebäuden übrig geblieben waren, um sie wieder zum Bauen zu verwenden.

Dieses Klopfgeräusch gehört auch zu den ersten Eindrücken derjenigen, die sofort nach dem Krieg nach Kassel kamen. Sie erinnern sich vor allem an das Bild der Zerstörung und an die behelfsmäßigen „Buden“, die überall aufgebaut waren, um ein Stückchen Alltag in das Chaos zu bringen.

Bundeshauptstadt könnt ihr nicht werden, höchstens Budenhauptstadt

Diese sogenannten Behelfsbauten oder Buden müssen das Stadtbild noch länger geprägt haben, so erinnerte sich eine Teilnehmerin daran, dass auch Kassel sich Ende der 1940er Jahre darum bemühen wollte, Bundeshauptstadt zu werden. In diesem Zusammenhang hatte sie die Aussage: „Bundeshauptstadt könnt ihr nicht werden – höchstens Budenhauptstadt“ noch im Ohr.

Zwei Teilnehmerinnen mussten einen weiten Weg durch mehrere deutsche Städte zurücklegen, um in Kassel ihre neue Heimat zu finden, sie waren aus den Orten, die bis dahin ihr Zuhause waren, vertrieben worden oder mussten fliehen. Für beide wirkte Kassel 1945/46 bereits etwas gefestigter als andere Städte, die sie beim durchreisen gesehen hatten. Besonders, dass die Straßenbahnen bereits wieder fuhren, hat sie damals beeindruckt.

Was ich gleich rufe, das ruft ihr auch

Eine Teilnehmerin erinnerte sich an ein ganz besonderes Erlebnis kurz nachdem sie in Kassel ankam. Sie wohnte im Haus ihrer Tante, das direkt an einer Bahnstrecke stand. Kurz nach Kriegsende fuhren dort täglich Züge mit entlassenen Soldaten vorbei. Zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Tante brachten sie häufig Lebensmittel und Trinkwasser für diese zu den Wagons. Eines Tages hörte sie, dass ein ganzer Wagon ihre Namen rief und als sie genauer hinsah, entdeckte sie zwischen den Soldaten ihren Bruder, den sie seit Kriegsbeginn nicht mehr gesehen hatte und der selbst bis zu diesem Moment nur hoffen, aber nicht wissen konnte, dass seine Familie am Leben war und sich zur Tante nach Kassel durchgeschlagen hatte. „Was ich gleich rufe, ruft ihr auch“ hatte er seinen Mitfahrern gesagt, als sie in die Nähe des Hauses kamen und so kam es, dass seine Mutter und seine Schwester auf diese Weise erfuhren, dass er am Leben war. „Ich komme bald!“ konnte er ihr noch zurufen, bevor der Zug weiter fuhr – und in der Tat, zwei Tage später konnte unsere Teilnehmerin ihren Bruder in die Arme schließen.

Einen weitaus angenehmeren ersten Eindruck der Stadt hatten die Teilnehmerinnen, die sie erst später kennenlernten. „Wenn man bis zum 23. Lebensjahr nie eine Stadt gesehen hatte, war Kassel ein Traum“ erinnerte sich eine Teilnehmerin, die vom Land zugezogen war. An Trümmer erinnert sie sich nicht mehr, sondern daran, wie beeindruckt sie von der Vielzahl an Geschäften war und vor allem von der Tatsache, dass sie ins Kino gehen konnte.

Wir konnten zu Fuß alles erreichen, was wir brauchten

Eine andere Teilnehmerin, die ebenfalls bisher auf dem Land gelebt hatte, war besonders begeistert davon, dass sie zu Fuß alles bekam, was sie zum Leben benötigte. Auch sie schätzte die Vielzahl von Möglichkeiten, die ihr das Stadtleben bot.

1960 hatte eine Teilnehmerin, die ihr Leben in der ehemaligen DDR verbracht hatte, zum ersten Mal die Möglichkeit, nach Kassel zu reisen, um ihre Tante zu besuchen. Für sie stand Kassel in all den Jahren, die sie danach noch in der Ostzone verbrachte, vor allem für Mode. Die Geschäfte in der Innenstadt, allen voran C&A, hatten sie begeistert.

Das Jahr 2011

Weil Daniela Albert im Mutterschutz ist, wurde das Erzählcafé in diesem Jahr von Isabel Carqueville allein geleitet. Im nächsten Jahr ist Daniela aber wieder dabei.

In der ersten Runde 2011 haben wir uns mit den 1960er Jahren befasst. Die TeilnehmerInnen haben von ihren Familien erzählt, über Kindererziehung berichtet und erzählt, wie der Haushalt in den 60er Jahren oft noch ohne große Haushaltshilfen, wie sie heute in jeder Küche zu finden sind, geführt wurde. Neben dem Alltäglichen haben wir aber auch Besonderes besprochen, über Urlaub und Feiern beispielsweise. Über diese Themen ist ein wunderschönes Scrapbook entstanden, in dem die TeilnehmerInnen viel Arbeit reingesteckt haben.

 

Neben den persönlichen Erinnerungen wurde auch über Allgemeines und Politisches in den 60er Jahren gesprochen. Die Krisen und der Kalte Krieg haben auch in unseren TeilnehmerInnen die Angst vor einem weiteren Krieg aufkommen lassen.

Die zweite Runde im Jahr 2011 startete im Oktober mit neuem Zuwachs. Hans-Herbert und Elisabeth haben vom Erzählcafé erfahren und sind zu der Gruppe dazu gestoßen.

In dieser Runde haben wir uns schwerpunktmäßig mit den 1970er Jahren beschäftigt. Neben dem allgemeinen Zeitgeschehen haben  wir auch in dieser Runde wieder über die Familien und die Kinder unserer TeilnehmerInnen erfahren. Es wurde aber auch über die alte Heimat, aus der man während oder nach dem Zweiten Weltkrieg flüchten musste, gesprochen. Einige TeilnehmerInnen haben in den 70er Jahren ihre Geburtsstädte wiederaufgesucht.

Eine Sitzung haben wir uns mit der DDR beschäftigt, bzw. welche Erfahrungen unsere TeilnehmerInnen mit der DDR gemacht haben. Dabei haben unsere TeilnehmerInnen einige spannende aber auch einige erschreckende Geschichten erzählt.

Am 25.11. haben wir als Erzählcafé einen Ausflug in die neu eröffnete Neue Galerie in Kassel gemacht. Einen Tag nach der Neueröffnung lud das Haus der Moderne, wie die Neue Galerie auch genannt wird, zum Tag der offenen Tür. Mit vielen anderen Besuchern haben wir uns also die Bilder und Skulpturen angeschaut.

Im Dezember haben wir eine kleine Weihnachtsfeier bei Isabel Zuhause gehabt und am 12.12. haben wir das Jahr mit einer Abschlusspräsentation im Stadtteiltreff ausklingen lassen.