Die nächste Runde des Erzählcafés hat begonnen und das Oberthema ist diesmal die Stadt in der (oder um die herum) wir leben – Kassel! Gewählt haben wir es anlässlich des 1100 Stadtjubiläums im nächsten Jahr, welches seine Schatten bereits jetzt an der einen oder anderen Stelle voraus wirft.
Die Runde startete am 05.03. 2012 mit dem Thema „Mein erster Eindruck von Kassel“. Es erschien uns passend, weil die Mehrheit unserer Teilnehmerinnen und Teilnehmer irgendwann in den Nachkriegsjahren zugezogen ist. Unsere beiden Kasseläner berichteten demgegenüber einfach von ihren frühsten Kindheitserinnerungen an die Stadt.
Die Sitzung ging tief unter die Haut. Die frühsten Kindheitserinnerungen der beiden von hier stammenden fielen in die Zeit des zweiten Weltkrieges. Sie erzählten von Bombenalarmen und bangen Nächten in den Kellern ihrer Häuser. Ich lernte, dass das Wort „Durchbruch“ in der damaligen Zeit für dünne Kellerwände stand, die man leicht einschlagen konnte um durch die so entstehenden Öffnungen von einem Haus ins nächste zu gelangen. Dies war nötig, wenn das Haus, in dessen Keller man Schutz gesucht hatte, getroffen wurde und einstürzte.
Was sie manchmal auf ihren Wegen durch die Keller – oder dann, wenn sie es wieder raus auf die Straße geschafft hatten, sahen, ist für mich, als gutbehütetes Kind der 1980er Jahre, kaum vorstellbar. So zum Beispiel Erzählungen von äußerlich scheinbar unverletzten Menschen, denen durch Druckwellen die Lungen geplatzt waren.
Es sah aus, wie eine riesengroße untergehende Sonne – in Wirklichkeit war es eine untergehende Stadt
Die Bombennacht am 22.Oktober 1943, in der die Kasseler Altstadt fast vollständig und die angrenzenden Stadtteile zum größten Teil zerstört worden waren, musste niemand aus der Runde in der Stadt erleben. Auch die beiden Kasseläner waren bereits vorher mit ihren Eltern vorübergehend in ländliche Regionen geflüchtet. Erinnerungen hatten sie trotzdem daran, genau wie andere Teilnehmer, die im Umland lebten, hatten sie die Einschläge gehört und die Flammen sogar noch fast 100 km weiter gesehen. Ein Teilnehmer verglich es mit einer riesengroßen untergehenden Sonne „…in Wirklichkeit war es eine untergehende Stadt“ ergänzte er.
An die Zeit vor Kriegsbeginn haben die Kasseläner nur noch lückenhafte Erinnerungen. Zum Beispiel an die wunderschöne Altstadt und an den Messeplatz, auf dem die Rummel stattfanden. Da sie als Kinder oft das Eintrittsgeld dafür nicht hatten, schlichen sie sich durch lockere Latten im Zaun heimlich hinein und freuten sich an den Vergnügungen, die sich ihnen dort boten.
Als sie nach Kriegsende zurückkehrten, haben beide die Stadt nicht wiedererkannt. Sie erinnern sich noch an das permanente Klopfgeräusch der – zumeist – Frauen, die Steine klopften, die von den ehemaligen Gebäuden übrig geblieben waren, um sie wieder zum Bauen zu verwenden.
Dieses Klopfgeräusch gehört auch zu den ersten Eindrücken derjenigen, die sofort nach dem Krieg nach Kassel kamen. Sie erinnern sich vor allem an das Bild der Zerstörung und an die behelfsmäßigen „Buden“, die überall aufgebaut waren, um ein Stückchen Alltag in das Chaos zu bringen.
Bundeshauptstadt könnt ihr nicht werden, höchstens Budenhauptstadt
Diese sogenannten Behelfsbauten oder Buden müssen das Stadtbild noch länger geprägt haben, so erinnerte sich eine Teilnehmerin daran, dass auch Kassel sich Ende der 1940er Jahre darum bemühen wollte, Bundeshauptstadt zu werden. In diesem Zusammenhang hatte sie die Aussage: „Bundeshauptstadt könnt ihr nicht werden – höchstens Budenhauptstadt“ noch im Ohr.
Zwei Teilnehmerinnen mussten einen weiten Weg durch mehrere deutsche Städte zurücklegen, um in Kassel ihre neue Heimat zu finden, sie waren aus den Orten, die bis dahin ihr Zuhause waren, vertrieben worden oder mussten fliehen. Für beide wirkte Kassel 1945/46 bereits etwas gefestigter als andere Städte, die sie beim durchreisen gesehen hatten. Besonders, dass die Straßenbahnen bereits wieder fuhren, hat sie damals beeindruckt.
Was ich gleich rufe, das ruft ihr auch
Eine Teilnehmerin erinnerte sich an ein ganz besonderes Erlebnis kurz nachdem sie in Kassel ankam. Sie wohnte im Haus ihrer Tante, das direkt an einer Bahnstrecke stand. Kurz nach Kriegsende fuhren dort täglich Züge mit entlassenen Soldaten vorbei. Zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Tante brachten sie häufig Lebensmittel und Trinkwasser für diese zu den Wagons. Eines Tages hörte sie, dass ein ganzer Wagon ihre Namen rief und als sie genauer hinsah, entdeckte sie zwischen den Soldaten ihren Bruder, den sie seit Kriegsbeginn nicht mehr gesehen hatte und der selbst bis zu diesem Moment nur hoffen, aber nicht wissen konnte, dass seine Familie am Leben war und sich zur Tante nach Kassel durchgeschlagen hatte. „Was ich gleich rufe, ruft ihr auch“ hatte er seinen Mitfahrern gesagt, als sie in die Nähe des Hauses kamen und so kam es, dass seine Mutter und seine Schwester auf diese Weise erfuhren, dass er am Leben war. „Ich komme bald!“ konnte er ihr noch zurufen, bevor der Zug weiter fuhr – und in der Tat, zwei Tage später konnte unsere Teilnehmerin ihren Bruder in die Arme schließen.
Einen weitaus angenehmeren ersten Eindruck der Stadt hatten die Teilnehmerinnen, die sie erst später kennenlernten. „Wenn man bis zum 23. Lebensjahr nie eine Stadt gesehen hatte, war Kassel ein Traum“ erinnerte sich eine Teilnehmerin, die vom Land zugezogen war. An Trümmer erinnert sie sich nicht mehr, sondern daran, wie beeindruckt sie von der Vielzahl an Geschäften war und vor allem von der Tatsache, dass sie ins Kino gehen konnte.
Wir konnten zu Fuß alles erreichen, was wir brauchten
Eine andere Teilnehmerin, die ebenfalls bisher auf dem Land gelebt hatte, war besonders begeistert davon, dass sie zu Fuß alles bekam, was sie zum Leben benötigte. Auch sie schätzte die Vielzahl von Möglichkeiten, die ihr das Stadtleben bot.
1960 hatte eine Teilnehmerin, die ihr Leben in der ehemaligen DDR verbracht hatte, zum ersten Mal die Möglichkeit, nach Kassel zu reisen, um ihre Tante zu besuchen. Für sie stand Kassel in all den Jahren, die sie danach noch in der Ostzone verbrachte, vor allem für Mode. Die Geschäfte in der Innenstadt, allen voran C&A, hatten sie begeistert.